Interview mit Matthias Kolb

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Mathias Kolb ist Arbeits- und Organisationspsychologe, Erziehungswissenschaftler und Geschäftsführer von „Löhr & Kolb – Training und Unternehmensentwicklung“. Ich sprach mit ihm über Kopf- und Bauchentscheidungen.

PN: Herr Kolb, wenn wir über Entscheidungen reden und Sie eine Empfehlung aussprechen, wie man Entscheidungen richtig trifft, aus dem Kopf oder aus dem Bauch. Was sagen Sie?

MK: Mit Bauch meinen Sie sicherlich das Gefühl. Man kann das nicht trennen, es ist mehr eine Mischung aus mindestens diesen beiden Komponenten. Die Herausforderung ist, dass wir relativ begrenzt in unseren Denkformen sind und daher immer versuchen, einen Ursache-Wirkungszusammenhang herzustellen.

Doch lassen Sie mich ein bisschen weiter vorne anfangen. Eine Entscheidung ist ein Prozess, bei dem es Voraussetzung ist, dass man über einen freien Willen verfügt, das heißt, die Möglichkeit hat, sich zu entscheiden. Wenn das erfüllt ist, muss man sehen, ob in der betreffenden Entscheidungssituation Denken, Fühlen und Handeln im Einklang sind. Das ist die optimale Basis, um Entscheidungen zu treffen und eine so getroffene Entscheidung wird sich dann auch gut anfühlen.

PN: Und wenn das nicht der Fall ist und der Bauch etwas anderes will als der Kopf?

MK: Dann wird es spannend. Denn wenn ich beispielsweise emotional etwas anderes möchte, als das, was ich rational als gut und richtig bewerte, kommt es zu einem inneren Konflikt. Entscheidend ist nun, wie ich mit dieser Situation umgehe.

PN: Heißt das, dass eine Reihenfolge von Kopf, Gefühl und Handlung aufgestellt werden kann, um zur richtigen Entscheidung zu gelangen?

MK: Eine Reihenfolge kann man nicht festlegen, da Denken, Fühlen und Handeln einander bedingen. Wir können jedoch das Handeln aufschieben und zunächst Kopf und Gefühl in Einklang bringen. Und wir können einen Denkprozess so weit abheben lassen, dass wir uns dabei beobachten können. Dann haben wir die Möglichkeit, unsere Gedanken und die dabei auftretenden Gefühle zu identifizieren.

 

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PN: Das würde bedeuten, dass ich nur alle Optionen gedanklich durchspielen muss und mich dann für die Lösung entscheide, bei der ich das beste Gefühl habe?

MK: Nicht ganz. Stellen Sie sich Gedanken und Gefühle als Waage vor. Wenn ich auf die eine Waagschale mehr, oder besser gesagt etwas anderes, lege, ändert sich die Position der anderen Waagschale. Ich kann durch das Erleben ein neues Gefühl verursachen. Genauso kann ich durch meine Gedanken mein Gefühl beeinflussen. Und je nach dem, was ich denke und fühle, werde ich mich zu einer Handlung entschließen.

PN: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kann ich jede dieser drei Komponenten durch eine andere beeinflussen?

MK: Richtig. Wenn ich beispielsweise anders atme, dann fühle ich mich anders. Umgekehrt atme ich anders, wenn ich mich anders fühle. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich atme, ändert sich sofort meine Atmung. Und das fühlt sich dann auch gleich anders an.

PN: Und wie wirkt sich das konkret auf den Entscheidungsprozess aus?

MK: Nehmen wir den Suchtbereich. Wenn ich das eindeutige Gefühl „Ich will jetzt einen Schnaps trinken“ habe, mein Verstand mir jedoch sagt, dass das keine gute Entscheidung ist, bin ich in einem Entscheidungskonflikt. Die Handlung ist zunächst aufgeschoben. Es sei denn, das Gefühl ist so stark, dass es den Verstand vollständig ignoriert und ein Handlungsimpuls entsteht. Ich trinke also einen Schnaps und überlege danach, ob ich noch einen zweiten trinke. Wenn ich es jedoch schaffe, diesen starken Handlungsimpuls zu stoppen, kann ich darüber nachdenken, bevor ich mich zu einer Handlung entscheide. Das heißt, ich lasse meinen Kopf arbeiten und treffe die Entscheidung bewusst, anstatt mich von impulsiven Gefühlen leiten zu lassen.

PN: Der Suchtbereich ist ein sehr spezielles Thema. Welche Vorgehensweise empfehlen Sie generell für den Entscheidungsprozess?

MK: Dieser Prozess ist nicht suchtspezifisch, sondern gilt für jeden Entscheidungskonflikt. Meine Empfehlung ist daher, dass man, wann immer Gefühl und Denken nicht im Einklang stehen, zuerst den Handlungsprozess aufschiebt. Anschließend sollten Sie sich Ihrer Gedanken und Gefühle bewusst werden und diese wie ein Außenstehender betrachten. Dann haben Sie die Möglichkeit, nicht nur auf der emotionalen Basis zu entscheiden, sondern zu reflektieren und den rationalen Part mit ein zu beziehen. Sobald Sie Kopf und Gefühl in Einklang gebracht haben, können Sie sich für eine Handlung entscheiden.

PN: Vielen Dank für das freundliche Gespräch.

Peter Nickel
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Entscheider, Unternehmer und Agenturinhaber, Gründer des Unternehmerformats „TippsTrendsNews“ auf N24, Topspeaker. Zudem ist er Chancengeber, Möglichmacher, Visionär und Antreiber.

Peter Nickel
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